Betroffene erzählen
«Mich gibt es noch.»
25 Jahre nach seiner Knochenmarktransplantation schrieb Jürg Zürrer einen Brief an den Menschen, der ihm das Leben gerettet hatte. Nicht, weil seine Dankbarkeit erst jetzt entstanden wäre. Sondern weil er ihm nach einem Vierteljahrhundert vor allem eines sagen wollte: «Mich gibt es noch.»
Vor 25 Jahren stand Jürg Zürrer mitten im Studium. Die Abschlussprüfungen waren nur noch wenige Wochen entfernt, als die Diagnose Leukämie sein Leben von einem Tag auf den anderen veränderte. Nach mehreren Rückfällen sowie intensiven Chemotherapien und Bestrahlungen blieb schliesslich nur noch eine Hoffnung: eine Knochenmarktransplantation.
An den eigentlichen Moment erinnert er sich heute nur noch verschwommen. «Ich wusste zwar, dass an diesem Tag das Knochenmark eintreffen würde. Aber ich war körperlich so geschwächt, dass ich die Transplantation praktisch verschlafen habe.»
Am Tag nach der Transplantation überreichte ihm der behandelnde Arzt eine kleine Karte. Sie war gemeinsam mit dem Knochenmark angekommen. Darauf stand nur ein Satz: «Der Mensch hofft, solange er lebt. Viel Glück.»
«Diese wenigen Worte haben mich sehr getroffen», sagt Jürg Zürrer. «Erst in diesem Moment wurde mir richtig bewusst, dass hinter der Spende ein Mensch steht.»
Ein zweiter Geburtstag und ein lang gehegter Wunsch
Der Wunsch, sich zu bedanken, war von Anfang an da. Gerne hätte Jürg Zürrer den Menschen kennengelernt, der ihm das Leben gerettet hatte. Doch er wusste, dass dies aus rechtlichen Gründen nicht möglich sein würde.
Den 19. September nennt Jürg Zürrer bis heute seinen «zweiten Geburtstag». Als sich dieser Tag zum 25. Mal jährte, entschied er sich, den lang gehegten Wunsch endlich umzusetzen. Er wollte dem Menschen, der ihm das Leben gerettet hatte, vor allem eines sagen: «Mich gibt es noch.»
Bis heute ist Dankbarkeit ein wichtiger Teil seines Lebens. «Danke sagen, auch für kleine Dinge, ist für mich etwas Wichtiges geworden. Gleichzeitig weiss er, wie schnell der Alltag diese Haltung überdeckt. «Im Job musst du Leistung bringen. Da interessiert sich niemand dafür, dass du vor 25 Jahren transplantiert wurdest.»
Bis 2022 kehrte Jürg Zürrer jedes Jahr zur Kontrolle ins Universitätsspital Zürich zurück. Auch heute besucht er die Abteilung, wenn immer möglich, am 19. September. Viele der Menschen, die ihn damals betreut haben, arbeiten heute nicht mehr dort. Trotzdem ist ihm dieser Besuch wichtig. Er möchte den Mitarbeitenden zeigen, was ihre Arbeit bewirken kann.
Ob der Mensch, der ihm vor 25 Jahren das Leben rettete, seinen Brief gelesen hat, wird Jürg Zürrer wohl nie erfahren. Er hofft einfach, dass die Nachricht angekommen ist und gezeigt hat, was diese eine Entscheidung bewirkt hat. Mit dem Brief schloss sich für Jürg Zürrer ein persönlicher Kreis. Seine Geschichte öffentlich zu erzählen, verfolgt jedoch ein anderes Ziel.
Dass er seine Geschichte heute erzählt, hat einen einfachen Grund. Während seiner Behandlung lernte er einen Mann kennen, der die Krankheit bereits zehn Jahre zuvor überstanden hatte. «Das war mein Rettungsanker», sagt Jürg Zürrer. «Da wusste ich: Es geht nachher weiter.»
Heute möchte er selbst Hoffnung weitergeben. «Wenn meine Geschichte auch nur einer einzigen Person hilft, bin ich schon wunschlos glücklich.»