Betroffene erzählen
Wenn Worte fehlen, helfen Bilder – Fabians Weg durch die Leukämie
Als Fabian Kirchhofer die Diagnose einer seltenen, aggressiven Leukämie erhält, bleibt nur eine reale Chance: eine Blutstammzelltransplantation. Ein unbekannter Mann wird zum Spender und schenkt ihm die Hoffnung auf ein Weiterleben mit seiner Familie.
Die Geschichte von Fabian Kirchhofer
Jahrelang lebt Fabian Kirchhofer mit diffusen Lungenproblemen. Husten, Kurzatmigkeit, Erschöpfung. Nichts Akutes, aber stetig präsent. „Es war, als würde mein Körper mir zuflüstern, dass etwas nicht stimmt“, erinnert sich der heute 40-Jährige. Die Beschwerden begleiten ihn durch ein intensives Berufsleben in der Finanzbranche und Bildung, durch den Aufbau seiner eigenen Firma im Bereich Gamification und KI und durch den Alltag mit seinem kleinen Sohn. Zahlreiche Untersuchungen folgen, doch die Ursache bleibt unklar.
Die Wahrheit, die alles verändert
In der Sprechstunde seiner Cousine, eine erfahrene Immunologin, erhält er endlich Klarheit. Sie untersucht ihn, und wenige Tage später steht die Diagnose fest: T-PLL, T-Zell-Prolymphozytenleukämie. Eine extrem seltene und hochaggressive Form von Leukämie.
„Es war surreal“, erinnert sich Fabian. „Ich stand mitten im Leben, war voller Pläne. Und plötzlich blieb alles stehen.“
Nach dem ersten Schock findet er schnell eine klare Haltung. „Ich wusste, dass ich kämpfen muss. Für meinen Sohn und für meine Familie.“ Er beginnt, Studien zu lesen, Therapien zu vergleichen, bereitet sich mental und körperlich auf die bevorstehenden Schritte vor. Er macht mehr Sport, stellt seine Ernährung um und versucht, seinen Körper so gut wie möglich zu stärken.
Der Weg zur Transplantation
Zunächst erhält Fabian eine Antikörpertherapie. Doch bald wird klar, dass sie nicht genügt. Die einzige realistische Chance ist eine Blutstammzelltransplantation. Im internationalen Netzwerk wurde zum Glück ein Match gefunden. Ein ihm unbekannter Mann spendet Fabian seine Blutstammzellen.
Diese Nachricht berührt Fabian tief. „Es ist schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt, zu wissen, dass irgendwo auf der Welt ein Mensch existiert, der dir hilft, ohne dich zu kennen. Der selbstlos einen Teil von sich gibt, um mir das Leben zu schenken. Ich war und bin unendlich dankbar.“
Gleichzeitig bleibt die Entscheidung schwer. „Ich war unsicher, ob ich diesen riesigen Schritt wirklich gehen sollte“, sagt er. Eine Transplantation ist ein medizinischer Kraftakt mit erheblichen Risiken. „Aber die Alternative war der sichere Tod. Also entschied ich mich für die Hoffnung auf Weiterleben.“
Im Spital richtet er sich ein. Lego, Videospiele, Netflix und sein Laptop sollen helfen, die langen Tage zu füllen. Die Chemotherapie ist hart: Übelkeit, Schmerzen, Haarausfall. „Ich sah es als persönliche Auszeit von meinem sonstigen Leben, als Kampf um mein Leben. Ich wollte der Krankheit keinesfalls die Kontrolle überlassen.“
Als der Boden unter den Füssen wegbricht
Doch die transplantierten Blutstammzellen beginnen nicht wie gewünscht zu wirken. Der Krebs ist zurück – und wird stärker.
Fabian fällt in eine tiefe Krise. „Ich sah Bilder vor mir, die ich niemandem wünsche. Wie ich mich von meiner Frau verabschiede. Wie ich meinen Sohn ein letztes Mal umarme.“ Er setzt sich mit EXIT auseinander, trifft praktische Vorbereitungen. „Der Gedanke an einen Ausstieg war plötzlich real.“
Eines Abends bleibt sein Blick auf einem Foto seines Sohnes hängen. „In diesem Moment wusste ich, dass ich noch nicht bereit war. Ich musste noch einmal alles versuchen. Ich wollte leben.“
Die Frage, wie man mit einem Kind über das Sterben spricht
Doch wie erklärt man einem kleinen Kind, warum Papa lange ins Spital muss? Vielleicht stirbt? Fabian entscheidet sich für die Ehrlichkeit. Er gestaltet ein persönliches Bilderbuch für seinen Sohn, das erklärt, warum er so lange im Spital ist. „Es war mir wichtig, dass er versteht, was passiert. In Worten und Bildern, die ein Dreijähriger versteht.“
Das Unerwartete
Im April 2025, nach weiteren Behandlungen, geschieht das, worauf niemand mehr zu hoffen wagte: Fabian ist krebsfrei.
Diese Nachricht fühlt sich an wie ein zweites Leben. Und immer wieder denkt er an den Mann dessen Blutstammzellen der entscheidende Schlüssel waren, der ihm die Chance zu Leben schenkte. Seine Gedanken sind aber auch bei all den Ärzten und dem Pflegepersonal, die sich immer so wunderbar um ihn gekümmert haben und ohne die er jetzt nicht mehr da wäre.
Doch Fabian weiss auch, dass seine Prognose weiterhin unsicher bleibt, die Chancen eines Rezidivs bei dieser aggressiven Krebsform ist besonders hoch. Was sich dann auch bewahrheitete. Der Krebs ist wieder da. Der Kampf geht weiter. Aber genau daraus entsteht eine besondere Entschlossenheit: Fabian unterstützt heute andere Betroffene als Peer und hört zu. Er teilt seine Geschichte und arbeitet an Comics und Bilderbücher, die Menschen in ähnlichen Situationen begleiten, ihnen Kraft und Hoffnung schenken sollen. Auf cancergraphics.ch zeichnet und schreibt er regelmässig über sein Leben mit Krebs.
„Ich lebe. Ich bin dankbar für jeden einzelnen Tag. Ich habe gelernt, Pausen zuzulassen, Hilfe anzunehmen und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Ich lebe und geniesse jeden Tag.“
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Titelbild mithilfe von KI generiert